Ist Design nur ein Status-Symbol?
Vermeintliche Hochkultur-Begriffe wie ‚Kunst‘ und ‚Design‘ werden gerne verwendet, aber sehr ungern definiert. Diese Tatsache spricht für sich! Der Sprachgebrauch hat eine leere ‚Sach-Ebene‘ und dient daher nur der ‚Beziehungs-Ebene‘: Die Unterscheidung von ‚Design‘ und ‚Nicht-Design‘ soll sozialen Status erzeugen und stabilisieren. Gleiches gilt für die Unterscheidung von ‚Kunst‘ und ‚Nicht-Kunst‘, die ebenfalls als Macht-Instrument verstanden werden kann.
Der Designer als Mythischer Held? In der Menschheitsgeschichte findet sich ein Bedürfnis nach Helden. Diese waren in der Standes-Gesellschaft von religiöser oder von kriegerischer Ausprägung. Wer Bauer war, musste sein Leben lang Bauer sein. Nur Helden konnten die Schicht wechseln, profane Menschen konnten das nicht. Ist Design ein Vehikel zum sozialen Aufstieg, ein Medium moderner Märchen? Sind Designer moderne Schamanen?
Neue Ökonomie der Aufmerksamkeit? Designgeschichte neigt wie auch Kunstgeschichte dazu, die Begriffe ‚Kunst‘ und ‚Design‘ bereits vorauszusetzen. So ähnlich setzte auch die mittelalterliche Philosophie der Scholastik das Konzept ‚Gott‘ immer schon voraus - und wollte es nur ‚beweisen‘. Es geht auch anders: Klaus Schwarzfischer entwickelt eine quantifizierbare Basis für die Designwissenschaft von Ressourcen-Ökonomie, Ästhetik und Ethik.
System-Design wird dabei strukturell als identisch mit System-Therapie beschrieben. Die verwendeten Begriffe für einzelne Semantiken wie Management, Therapie oder Design sind historisch zufällig. Wir könnten allgemein von "postheroischem System-Design" (in Anlehnung als das "postheroische Management" bei Dirk Baecker) sprechen.
Schluss mit dem Design-Geschwätz?! Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder das leere Geschwätz über vermeintliche Hochkultur-Begriffe wie ‚Kunst‘ und ‚Design‘ hat auch Sie bereits mehrfach genervt oder gelangweilt (je nach Ihrem Temperament). Oder Sie beteiligen sich aktiv an diesem Blabla, da Sie davon profitieren (z.B. weil Sie Geld und/oder Status damit generieren). Im letzteren Fall sollten Sie das Buch keinesfalls lesen. Denn es könnte ernsthaft Ihre Selbstgefälligkeit gefährden. Wenn Sie jedoch schon einmal Zweifel gehegt haben, ob all diese Begriffe überhaupt etwas bedeuten – oder ob sie nur benutzt werden, um andere auszugrenzen: Dann könnten Sie an diesem Buch Ihre Freude haben und sich tatsächlich bereichert fühlen. Denn die illustrierten Analysen sind sorgfältig und trotzdem für Leser aus unterschiedlichsten Disziplinen sehr gut lesbar.
Zum Verhältnis von Ressourcen-Ökonomie, Ästhetik und Ethik: System-Design ist Therapie von Wirklichkeit!
Das Buch räumt mit einigen verbreiteten Missverständnissen auf:
Erstes Missverständnis: Im Design gehe es nur um Produkte. Falsch, es geht im Kern ausschließlich um Prozesse - und zwar um systemische Prozesse! Diese Wahrnehmungs- und Bedeutungs-Prozesse muss man verstehen, um sie gestalten zu können. Design ist strukturell identisch mit systemischer Therapie!
Zweites Missverständnis: Unterschiedliche Design-Disziplinen seien einfach eine Sortierung von Branchen (wie z.B. Produkt-Design, Kommunikations-Design, Service-Design, Hair-Design, etc.). Weitaus produktiver ist eine Unterscheidung von verschiedenen Reflexions-Niveaus (intra-, inter- und transdisziplinäres Design) als Stile der Wirklichkeits-Konstruktion bzw. Therapie-Stile.
Drittes Missverständnis: Wahre Schönheit würde sich auf Kunst beschränken? Nein, eine Integrative Ästhetik muss die ‚profane Lebenswelt‘ vollständig zum Thema haben - und nicht nur die ‚heroische Sphäre der Kunst‘.
Viertes Missverständnis: Schönheit läge nur ‚im Auge des Betrachters‘ und sei nicht wissenschaftlich messbar. Dies ist jedoch ‚nur‘ ein methodisches Problem, keine prinzipielle Unmöglichkeit: Das Kapitel 8 zeigt, wie es lösbar ist!
Fünftes Missverständnis: Die Wissenschaft von den Zeichen (Semiotik) sei nur etwas für Linguisten. Ganz im Gegenteil: Wir gehen alle jeden Tag mit Zeichensystemen um (Codes). Ohne ein grundlegendes Verständnis des Wesens von Bedeutung können wir unsere Lebenswelt nicht sinnvoll gestalten! Dies gilt in den Bereichen Wirtschaft, Kultur, Politik und Gesundheit gleichermaßen.
Sechstes Missverständnis: Die Bereiche Ökonomie, Ästhetik und Ethik müssten als unvereinbar akzeptiert werden. Nein, denn ohne ein Verständnis von beschränkten Ressourcen (Ökonomie) können wir unsere Wahrnehmungen (Aisthesis) nicht verstehen. Ebenso wenig wie Ethik ohne das Problem von Ressourcen-Zuweisungen zu lösen ist. Außerdem hängen ethische Perspektiven stets davon ab, ob das Problem überhaupt wahrnehmbar ist - und ob alle Beobachter hier gleich zu gewichten sind (z.B. Menschen versus Tierschutz). Ökonomie, Ästhetik und Ethik sind untrennbar mit einander verwoben!
Das ausführliche und kommentierte Inhaltsverzeichnis finden Sie als PDF-Download unten! Übersicht der einzelnen Kapitel-Schwerpunkte:
Ein manifestes Vorwort: Warum es weder Design noch Kunst geben sollte!
Einstieg: Einführung in ein paar nützliche Fachbegriffe der Semiotik.
Kapitel 1 Sukzessive Detailwahrnehmung als dynamischer Prozess. Sehen wir das, was wir glauben zu sehen – oder nur unsere Vorurteile?
Kapitel 2 Systeme gestalten: Die Identität als Design-Problem. Was soll „Design“ jenseits von eitler Oberflächlichkeit schon sein?
Kapitel 3 Design als semiotische Therapie? Ein Fallbeispiel.
Ist „Design“ wirklich identisch mit der Therapie von Systemen?
Kapitel 4 Die Raumfrequenz-Dimensionen und die Designforschung. Ist der Wechsel des Abstraktionsgrades ein Zeichen von Intelligenz?
Kapitel 5 Ein systemsemiotischer Zugang zu Design. Sind wir nicht immer der Mittelpunkt der Welt?
Kapitel 6 Die Konstruktion von Wirklichkeit als Design-Stil.
Warum ist Gestaltung von sozialer Wirklichkeit noch keine Realität?
Kapitel 7 Eine semiotische Methode zur Strukturierung einer komplexen Problemstellung.
Sind wir mit weniger Informationen sogar besser informiert?
Kapitel 8
Dezentrierende Gestalt-Integration als Basis von Ästhetik und Design-Ethik Sind die Schönheit und das Gute nun endlich doch messbar?
Kapitel 9
Über Symmetrien von Sprache und Terror. Können wir in einer Ethik der Täter und das Opfer zugleich sein?
Anhang Informationen zum Autor Ausführliches Glossar (Fachwörter-Erklärungen)
Ist Design überhaupt eine Wissenschaft oder nur eine Praxis? Was unterscheidet transdisziplinäres Design von intra- oder interdisziplinärem Design? Welche Konsequenzen hat dies?
Der Ansatz, den Klaus Schwarzfischer (2010) im Buch „Transdisziplinäres Design" entwickelt, geht deutlich über das traditionelle Verständnis von Design hinaus. Design wird als bewusste und damit strategische Gestaltung vor dem Hintergrund anderer Möglichkeiten definiert. Eine Differenz von Ist-Wert (dem Zustand in der Gegenwart) und möglichen Soll-Werten (die alternativen End-Zustände in der Zukunft) wird dabei ebenso vorausgesetzt wie die Tatsache, dass diese Differenz als Defizit zu interpretieren ist: Denn in einem idealen Ist-Zustand (einem Quasi-Paradies) macht jedwede Gestaltung keinen Sinn, da diese die Situation ja nur verschlechtern könnte. Daraus folgert Klaus Schwarzfischer, dass Design und Therapie strukturell identisch sind, wenn man diese systemisch analysiert. Als derartiges System-Design bzw. als System-Therapie sind alle Interventionen aufzufassen, unabhängig von deren traditioneller Zuordnung (wie z.B. Politik, Management, Chirurgie, Gartengestaltung, etc.). Zu unterscheiden sind hingegen unterschiedliche Reflexions-Niveaus der Intervention: Dabei bezieht sich Klaus Schwarzfischer auf das Spätwerk des Erkenntnistheoretikers Jean Piaget. Dieser führte die Bezeichnungen intra, inter, und trans ein, um die Stufen der Entwicklung zu beschreiben, welche vom aktuell vorhandenen Objekt (intra-Objekt) über handhabbare Transformationen (inter-Objekt) zu abstrakten Kognitionen (trans-Objekt) führt. Daraus leitet Klaus Schwarzfischer die Unterscheidung von intra-, inter- und trans-disziplinärem Design ab. Diese seien etwa verschieden in der Art, wie diese die Unterscheidung von Person und Rolle handhaben. Zudem sei ein wichtiger Unterschied, dass der zu gestaltende Gegenstand typischerweise ein anderer sei: Beim intra-disziplinären Design seien dies in erster Linie die Objekte (z.B. Produkte).
So werden gewisse Produkt-Formen vor dem Hintergrund anderer, möglicher Produkt-Formen bevorzugt und ausgewählt. Das inter-disziplinäre Design fokussiere dagegen primär die Transformationen, welche einen Zustand in einen anderen verwandeln (z.B. die Produktions-Methode). Damit werden primär die Prozesse als Methode optimiert (also eine Methode vor dem Hintergrund anderer möglicher Methoden ausgewählt.) Das trans-disziplinäre Design erst könne die Soll-Werte als solche zum Design-Problem machen (z.B. die Wünsche und Bedürfnisse in Abhängigkeit des sozio-kulturellen Kontextes). Daher sei es dieser Reflexions-Stufe des Design vorbehalten, die häufig nicht-lineare und zirkuläre Komplexität der Lebenswelten zum Gegenstand der Gestaltung zu machen. Nur ein trans-disziplinäres Verständnis von Design würde es ermöglichen, die unterschiedlichen Codes der Sub-Systeme von Gesellschaft zu überwinden (trans-Code).
Design und Semiotik Doch bei aller Provokation und Verkaufs-Rhetorik kommt auch eine anspruchsvolle Perspektive keinesfalls zu kurz, wenn Klaus Schwarzfischer seine Theorie(n) entwickelt. Denn die neun Kapitel behandeln unterschiedliche Schwerpunkte seiner Forschung der letzten zehn Jahre - auch wenn sich diese immer wieder gegenseitig die Bälle zuspielen und ergänzen.
Er zeigt, dass Semiotik im Design-Bereich (wie fast überall sonst auch) in ihrer Praxis-Relevanz unterschätzt wird. Dies liegt u.a. an der terminologischen Hürde, die es erst einmal zu überwinden gilt. (Daraus erklärt sich auch, der betont provokativ-flappsige Ton des Klappentextes.) Hat man die Berührungs-Ängste erst einmal vergessen, dann eröffnet sich eine erstaunlich produktive Sicht auf die Semiotik bzw. durch die Semiotik:
- Semiotik kann analytisch wertvoll sein, z.B. im Bereich Corporate Identity, wo Klaus Schwarzfischer ein eigenes Modell entwickelt, um etwa Widersprüche zwischen unterschiedlichen Kommunikations-Dimensionen (wie Unternehmens-Pragmatik, Produkt-Semantik oder Kommunikations-Syntaktik) zu aufzuspüren und zu vermeiden.
- Synthetisch erlauben semiotische Ansätze die Nutzung als Entwurfs-Methodik (als Fortführung einer Heuristik-Matrix, wie sie bereits bei Heinz Kroehl 1987 verwendet wurde, aber in Designer-Kreisen trotzdem weitgehend unbekannt sind).
- Für die Ressourcen-Planung ist Semiotik fruchtbar, wie die Anwendung eines universellen Modelles am Beispiel einer Tagungs-Planung (als Design-Problem) zeigt. Dabei wird u.a. deutlich, dass ein fraktales Verständnis jeglichen Design und jeder Kommunikation wichtig ist: Nicht jeder Abstraktions-Grad der z.B. räumlichen, zeitlichen wie auch kategorialen Dimensionen ist gleichermaßen effizient zu beobachten und dadurch auch zu gestalten: Wo ist also der subkulturell bzw. individuell bestimmte ‚Basic-Level‘ einer Beobachtung bzw. einer Intervention, welche die maximale Sensitivität besitzt?
- Sogar ein semiotisches Design-Controlling ist ableitbar, wie gezeigt wird: Dies wird möglich durch die Unterscheidung von syntaktischen, semantischen und pragmatischen Fehlern, deren Beseitigung/Abmilderung jeder Design-Intervention überhaupt zugrunde liegt. Erst die klare Definition dieser ganz verschiedenen Design-Ziele macht eine Erfolgs-Kontrolle sinnvoll und möglich.
- Und nicht zuletzt nimmt die Semiotik eine zentrale Stellung ein in der ‚Integrativen Ästhethik‘, welche Klaus Schwarzfischer hier ausführlich entwickelt. Dieser Ansatz spürt den Gründen nach, an welchen die Tradition der ‚Informations-Ästhetik‘ (Birkhoff, Gunzenhäuser, Frank & Franke, etc. ) wie auch die ‚Semiotische Ästhetik‘ (Bense) gescheitert ist. Eine grundlegend prozesshafte Auffassung mit einem Primat von pragmatischen Perspektiven sich aktiv in der Umwelt orientierender Beobachter führt aus dieser Sackgasse heraus. Diese Ästhetik ist sowohl neuro-physiologisch als auch evolutions-biologisch und motivations-psychologisch anschlussfähig.
Das Buch ist in jeder guten Buchhandlung zu bestellen, im Internet z.B. bei Amazon.de lieferbar (siehe Direkt-Link unten) und natürlich auch direkt beim Verlag erhältlich. Ordern Sie gleich jetzt Ihr Exemplar: eMail: bestellung@incodes.de Fax: +49 (0)941 791844
Klaus Schwarzfischer (2010): Transdisziplinäres Design: Design als Intervention und System-Therapie.
360 Seiten Hardcover Zahlreiche Abbildungen 49,80 Euro (D) InCodes Verlag (Regensburg) ISBN 978-3-941522-02-2
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